Die Vernichtung der 260. Infanteriedivision

In der Nacht vom 02. Juli 1944 sammelte sich die Division zum letzten Mal hinter der Beresina, die Gefechtsstärke lag bei knapp 2.000 Soldaten! Minsk war am 03. Juli 1944 in russischer Hand. Es folgten Rückzuggefechte in einem sich bewegenden Kessel (gemeinsam mit den Resten der 78. Sturmdivision, 267. Infanteriedivision, 25. Panzergrenadierdivision und dem Infanterieregiment 199 „Regiment List“). Sowjetische Schlachtflieger attackierten von verschiedenen Seiten und aus der Luft.

Die Kommandeure hielten am 05. Juli 1944 eine letzte Lagebesprechung in der Nähe von Tscherwen ab. Dazu hatte der Kommandeur des XXVII. Armeekorps (General Völckers) folgende, noch erreichbare, Kommandeure befohlen: Generalleutnant Hans Traut (78. Sturmdivision), Generalmajor Adolf Trowitz (57. Infanteriedivision), Generalleutnant Paul Schürmann (25. Panzergrenadierdivision) und Generalmajor Günther Klammt. Generalleutnant Wilhelm-Francis „Willifrank“ Ochsner (Kommandeur 31. Infanteriedivision) und
Generalleutnant Drescher (Kommandeur 267. Infanteriedivision) waren nicht mehr zu erreichen.

Zurück bleiben die Gräber der Kameraden

Zurück bleiben die Gräber der Kameraden

General Völckers erklärte, dass er sich entschlossen habe, sich zur Verteidigung einzurichten, da seit Tagen kein Ausbruchsversuch zum Erfolg geführt hatte. General Schürmann wollte wissen, ob deutsche Truppen unterwegs waren um den Kessel zu öffnen und die eigenen Teile zu befreien. Der Korpskommandeur entgegnete, es seien dafür keine Kräfte verfügbar. Der Kommandeur der 25. Panzergrenadierdivision bat darum, sich mit seiner Division durchzuschlagen, diese Bitte wurde jedoch von General Völckers abgelehnt, da er der Meinung war ein solcher Ausbruch führe zur vollständigen Vernichtung. General Traut schien zunächst unentschlossen, insbesondere aufgrund der hohen Zahl an Verwundeten (4000 – 5000 Mann), die man im Kessel zurück lassen müsste.

Irgendwann erfolgte doch ein Befehl zum Durchschlagen nach Westen nachdem die schweren Waffen gesprengt waren und weitere, verzweifelte Ausbruchsversuche erfolglos blieben. Es sollte in 2 festgefügten Korpsgruppen ausgebrochen werden: Das 27. AK in Richtung Westen, das 12. AK nach Nordwesten.

Die 260. Infanteriedivision führte vor dem Ausbruch 800-1000 unversorgte Verwundete mit und brach am 05.07. in südlicher oder südwestlicher Richtung aus.. Unter schwerstem Feindfeuer ging jedoch der Zusammenhalt schnell verloren. Der größte Teil sammelte sich noch einmal in einem Munitionsdepot bei Dubniki. Eine Kampfgruppe unter Führung von Oberst Meyer (Kommandeur Artillerieregiment 260) wiese etwa 30 Mann auf, andere Soldaten zogen mit dem Reiterzug weiter. Major Vincon führte den Ausbruch mit 10 Offizieren und 260 Mann durch. Eine Kampfgruppe des Grenadierregiments 460 geführt von Oberst Bracher drang mit etwa 500 Mann geschlossen weit nach Westen vor. Der Kampfgruppe um Major Horst Pihuliak (IV. / AR 260) gelang der Ausbruch aus dem Kessel von Belaja-Lusha ebenfalls mit etwa 500 Mann. Über deren Verbleib ist nichts näheres bekannt.

Der damalige Obergefreite Robert Sand, Angehöriger des Reiterzuges 460 war Zeitzeuge dieser kopflosen Flucht. Er begegnete am 05. Juli 1944 – innerhalb des 7. Kessels – an einem Bach dem Divisionskommandeur Generalmajor Klammt. Sein Kübelwagen steckte im Schlamm fest. Dessen Befehl lautet: „Soldaten, ihr seid von eurem Fahneneid entbunden, schlagt euch in kleinen Gruppen durch nach Westen. Rette sich wer kann, viel Glück!“

Generalmajor Klammt geriet kurz darauf, ebenso wie der Obergefreite Robert Sand, in sowjetrussische Gefangenschaft (Anm. des Autors: mein Freund Robert Sand wurde erst 1955 entlassen, er verstarb 2010).

Die Beresina im Jahr 2006 bei Beresino - hier endet die Geschichte der 260. Infanteriedivision

Die Beresina im Jahr 2006 bei Beresino – hier endet die Geschichte der 260. Infanteriedivision

Das Schicksal einer der tapfersten Divisionen vollzog sich zwischen dem 07. Juli und 09. Juli 1944 dort wo schon Napoleons Grande Armée im Jahr 1812 vernichtend geschlagen wurde. Die blutigen Verluste waren ohne Zahl, für Verwundete gab es keine Hoffnung. Das Ende war Chaos, Tod und Gefangenschaft.

Am 08. Juli richtete Generalleutnant Müller, der sich bereits den sowjetischen Truppen ergeben hatte, noch folgenden Aufruf an die Männer der 4. Armee:

„Soldaten! Unsere Lage ist nach wochenlangen schweren Kämpfen aussichtslos geworden. Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Unsere Kampfkraft ist auf ein Minimum gesunken und es gibt keine Aussicht auf Versorgung. Der Weg über den nächsten Flussabschnitt ist uns versperrt. Wir haben riesige Zahlen von Verwundeten und Versprengten. Die Führung der russischen Streitkräfte hat zugesagt:

  • Fürsorge für alle Verwundeten
  • Offiziere dürfen Stichwaffen und Orden, Soldaten die Orden behalten

Gefordert wird:

  • Ausrüstung und Waffen sind zu sammeln und zu übergeben

Schluss mit dem aussichtslosen Blutvergießen! Ich befehle daher, dass ab sofort der Kampf eingestellt wird!“ Dieser Aufruf wurde als Flugblatt über den vermuteten Ansammlungen deutscher Truppen abgeworfen.

Der Kessel wurde 35 km ostwärts Minsk, nahe Tscherwen, durch sowjetische Truppen geräumt. Geschätzte 32 Divisionen (etwa 300.000 deutsche Soldaten) marschierten in die Gefangenschaft, so auch mein Großvater, der Stabsgefreite Michael Korn.

Ende der Division

 

Die 260. Infanteriedivision praktisch ist vernichtet!

(Um die Orte auf der gezeigten Karte in Google Earth© darzustellen, bitte auf folgende Links klicken:
OrschaKopysBrijanzowo DubrowkaKruglojeTeterinShepelevichiBeresinoBorowinoTscherwen)

Auf dem Marsch spielten sich menschliche Tragödien ab. Hunderte von Soldaten starben infolge Schwäche, Verwundung und Ruhr. Nur wenigen gelang die kopflose Flucht, meist nachts und durch Partisanengebiet zu den deutschen Auffangstellungen.

Die Propaganda des Oberkommandos der Wehrmacht berichtete über diese Katastrophe, die weit größer war als die Niederlage in Stalingrad, nur lapidar:
„Im Mittelabschnitt der Ostfront hat sich die Abwehrschlacht in den Raum westlich der Landengen von Baranowice und Molodeczno verlagert. Beiderseits Baranowice setzen unsere Truppen den mit überlegenen Panzerkräften angreifenden Sowjets zähen Widerstand entgegen. Im Verlaufe hartnäckiger Kämpfe um Lida ging dieser Ort verloren.“

Nur wenige Soldaten schafften es, sich der sowjetischen Umklammerung zu entziehen.

Von der 4. Armee erreichten lediglich 80 Offiziere und 838 Mannschaften und Unteroffiziere bis Ende Oktober die deutschen Linien in Ostpreußen.

Die Überlebenden der 260. Infanteriedivision wurden in einer Divisionsgruppe 260 zusammengefasst und ab 25. Juli 1944 am Narew wieder eingesetzt. Dort hielten sie eine Stellung bis zum Beginn der Offensive in Richtung Ostpreußen bevor auch hier das Ende besiegelt wurde.

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