Oktober 1941: Die Wende vor Moskau

Die große Oktoberoffensive im Jahr 1941 fand unsere Division unversehens am rechten, südlichen Flügel des Stoßkeils, der zwischen den beiden Kesseln von Brjansk und Wjasma unentwegt und ohne Rücksicht auf die Flanken in Richtung Moskau vorzustoßen hatte.

Diesen Keil führte die 4. Armee, unter dieser die 260. Infanteriedivision am rechten Flügel als Teil des XIII. Armeekorps, links begleitet von der 17. Infanteriedivision aus Nürnberg, die wir im Verlaufe des späteren Rückzuges noch als verlässliche Nachbarn schätzen lernten, nahmen wir am 12. Oktober Kaluga, ostwärts des Zusammenflusses von Ugra und Oka, und stießen danach in einen spürbar schwach besetzten Abschnitt der russischen Verteidigungen südlich von Moskau.

Der Divisions-Ib Hauptmann Köstlin in Ssawinki

Der Divisions-Ib Hauptmann Köstlin in Ssawinki

Die Karten von Moskau, auch bereits im Maßstab der Messtischblätter, wurden eifrig studiert. Die Vormarschstreifen lagen ungefähr fest. Ganz große Optimisten fanden bereits die für eine Überwinterung geeigneten Datschen in den Außenbezirken der Metropole. Die Stadt selbst sollte nicht betreten werden. Napoleons Schicksal warnte!

Von oben, aus dem Mauerwald bei Rastenburg, kamen unbrauchbare Vorschriften für die Umstellung auf den Winterkrieg. Tatsächlich hatte das Oberkommando die Vorstellung, der Russe werde keinen beweglichen Winterkrieg führen können. Für die deutsche Ostfront hatte man daher eine durchgehende Tiefenzone von Stützpunkten größeren Umfangs vorgesehen. In deren Schutz sollte die Masse der Truppe in Waldlagern und Orten ruhen und sich erholen, „auffrischen“ können. Das Zwischengelände sollte mit Jagdkommandos, motorisiert, mit Schneeschuhen oder Pferden beweglich gemacht und das ganze System durch ausgefeilte Feuerpläne der Artillerie und schweren Waffen abwehrfähig gemacht werden. Es war für uns eine erschütternde Erkenntnis, den meilenweiten Abstand der Vorstellungen der höchsten Führung von der uns erlebten und im Weiteren für möglich gehaltenen Wirklichkeit zu sehen.

Zunächst sollte aber Moskau genommen werden. Zwischen uns und der etwa 150 Kilometer entfernten Metropole sollten nur noch schwache Kräfte, wohl Teile der Podolsker und Serpuchower Garnisonen und Militärschulen stehen. Das nächste wichtige Ziel musste die große Nord-Süd-Achse der russischen Verteidigung, die Straße Tula – Moskau sein. Sie wird in Tula, ostwärts Alexin, ostwärts Tarussa und in Serpuchow von West-Ost-Verbindungen getroffen bzw. gekreuzt. Es kam also darauf an, die Oka-Übergänge von Alexin, Tarussa und Serpuchow in die Hand zu bekommen.

Auf Alexin und Tarussa waren die 260. und die 17. Infanteriedivision angesetzt. Aus den „beweglichen“ Teilen beider Divisionen wurde eine starke Vorausabteilung gebildet, deren Auftrag die Wegnahme der Oka-Brücken von Serpuchow war, während die Infanterieregimenter auf Alexin und Tarussa angesetzt wurden.

durch die Tarussa am 06. November 1941

durch die Tarussa am 06. November 1941

Das Tagebuch unseres Divisionskommandeurs – General Hans Schmidt – nennt diese Vorausabteilungen angesichts der sich bereits abzeichnenden Straßenverhältnisse ein „totgeborenes Kind“. Bereits am 16. Oktober war die Vorausabteilung mit allen Teilen in ihrer endlosen Längenausdehnung in die so genannte Straße eingesunken und wurde von der in Reihen marschierenden Infanterie überholt. Regen und Schnee des beginnenden Winters hielten nun für etwa 2 Wochen alle Kraftfahrzeuge und große Teile der pferdebespannten Fahrzeuge, wie die der Artillerie, fest. An zügige Bewegungen, auch der Infanterie, war nicht mehr zu denken. Auch die Versorgung floss immer spärlicher. Am 10. Oktober notierte General Schmidt: Infanterieregiment 480 stößt auf starken Feind in ausgebauter Stellung, greift jedoch noch nicht an, da unsere Artillerie noch fehlt.“ Sie und später ihre Munition sollten noch oft fehlen.

Es gelang zwar, dank des trotz jungen Ersatzes und starker Ausfälle mit Unterstützung der Artillerie den Feind aus der Brückenkopfstellung westlich von Alexin zu werfen, aber einem schwungvollen Vorwärts setzte sich außer der sich wehrenden russischen Erde mit ihrem Schlamm immer stärkerer Widerstand des Feindes an der Oka entgegen. Der erste Verband der Sibirier aus dem Fernen Osten tauchte auf. Die Zeit arbeitete für den Feind, der seinen Widerstand verstärkte. Jetzt traten auch wieder die russischen Flieger auf, die sich mit besonderer Freude und ohne deutsche Jagdabwehr auf die hilflos im Schlamm feststeckenden Kolonnen und Soldaten stürzten und ihnen mit Bomben und Bordwaffen hässlich zusetzten. Im letzten Drittel des Oktobers holten unsere rechten Nachbarn, die die Schlacht um Brjansk abgeschlossen hatten, mühsam auf und arbeiteten sich südlich der Oka in allgemeiner Richtung auf Tula vor. Wir mussten bis Tarussa ausdehnen und standen damit dem Feind in fast 40 Kilometer breite gegenüber. An Angriff war nun nicht mehr zu denken. Nördlich von uns hatte die 17. Infanteriedivision im Protwatal bis etwa 20 Kilometer westlich Serpuchow Boden gewonnen und lag jetzt auch fest.

Alles versinkt im Schlamm...

Alles versinkt im Schlamm…

Am 03. November 1941 gab die 260. Infanteriedivision den Befehl südlich Serpuchow nach 3-tägiger Ablösung durch die 52. Infanteriedivision ab. Sie sollte zur Bildung eines Schwerpunktes westlich von Serpuchow eingesetzt werden, von dem aus nunmehr die Lebensader des zäh verteidigten Raumes um Tula – nördlich davon – abgeschnitten werden sollte. Die abgelösten Teile unserer Division wurden also nach Norden in Marsch gesetzt. Im Tagebuch des Divisionskommandeurs steht: „Die Truppe wälzt sich mühsam durch den tiefen, zähen Schlamm. Die Pferden dampfen und müssen das Letzte hergeben.“

Vom 04. November ab übernahm unsere Division von der 17. Infanteriedivision deren Stellungen im „Brückenkopf Kremenki“, einem Bogen, der wahrscheinlich zum Gelenk eines nordwestlich an Serpuchow vorbei führenden Angriffs werden sollte. Das wussten die Russen auch, deshalb war Kremenki ein Brennpunkt und blieb es auch für die nächsten sechs Wochen.

Aus dieser Stellung heraus sollte nun die Offensive in unserem Abschnitt, links von der 17. Infanteriedivision begleitet, rechts von der 52. Infanteriedivision geschützt, gegen die Moskauer Verteidigung fortgesetzt werden. Wir hatten aber gar nicht den Eindruck, zu einer massiven Offensive bereitgestellt zu werden. Im Gegenteil, wir hatten Mühe, unsere Stellung überhaupt zu halten! Es setzte ein zermürbender Kampf in Wald und Dreck, später in schneidender Kälte ein, der nun mit hohen Verlusten, unzähligen braven Einzeltaten, starker Artillerie mit hohem Munitions- und starkem feindlichen Panzereinsatz die nächsten Wochen kennzeichnete. Jeder spürte nunmehr wie mühsam es werden würde, den Übergang vom Amboss zum Hammer wieder zu finden.

abgeschossener russischer Panzer

abgeschossener russischer Panzer

Die Temperaturen begannen sich bis Mitte November bei Schwankungen von wenigen Grad und bei zum Teil nassem Wetter auf -18 Grad ein zu pendeln. Der Wechsel zwischen Frost, Nässe, Schnee und Regen führte zu zahlreichen Erfrierungen. Die Truppe hatte nur ihre dünnen Mäntel und Kopfschützer, aber noch keine Handschuhe usw. und es bestand keine Aussicht Winterbekleidung zu bekommen.

Zwar war die Artillerie bei zunehmendem Frost mit reichlich Munition gesegnet, der Abschnitt sogar mit einem Artilleriekommandeur ausgestattet, es fehlte jedoch an Kleinigkeiten wie z.B. Kerzen oder Karbid um nachts die Richtmittel zu beleuchten. Trotzdem konnte man anhand eines ausgefeilten Feuerplanes mit beruhigender Schnelligkeit präzises Artilleriefeuer erwarten.

Mitte November sollte nun auch bei uns zum letzten Sprung auf Moskau angesetzt werden. Der Feind lag im Wald dicht vor unserer Infanterie. Am 13. November trat unsere Division gemeinsam mit ihrem linken Nachbarn bei -18° Kälte an. (Links von uns war die 137. Infanteriedivision eingeschoben worden. Der Angriff an diesem frostigen Morgen mit starker Artillerie- und Luftunterstützung stieß sofort auf zähen Widerstand, starke Abwehr mit viel Artillerie und Panzern.

Schneesturm

Schneesturm

Das Tagebuch des Divisionskommandeurs zeichnet die unbeschreibliche Härte des Kampfes mit wenigen, aber eindeutigen Worten: „Später gibt es heftige Nahkämpfe beim Infanterieregiment 470 in der Bunkerstellung von Browna, und beim Infanterieregiment 480 zwischen Jekaterinowka und Nobotowo, wo das II. Bataillon in eine schwierige Lage gerät, da die 137. Infanteriedivision 1½ Kilometer zurückhängt und das Bataillon nun umfasst wird. Ziemlich hohe Verluste – 12 Offiziere und 300 Mann –auch beim Infanterieregiment 470.

Mehrfache Krisen da keine Reserven! Abends noch schöne Waffentaten der 5. Kompanie des Infanterieregiments 470: Major Helmling der einen Bunker nimmt und zwei Stoßtrupps des Infanterieregiments 460, die 34 Bunker ausräumen und russischen Angriff aus nächster Nähe abwehren wobei der Russe über 100 Mann Verluste hat. Infanterieregiment 480 wurde leider wieder etwas zurückgenommen, hat abends noch Verluste durch Raketengeschütze. Kritischer Tag!“

Am 13. November abends und erst recht am 14. und 15. geht die Initiative auf den Feind über. Die offene linke Flanke und die durch deren Sicherung stark geschwächte Naht zwischen unseren Regimentern 470 und 480 gaben ihm die Möglichkeit, mit tiefen und starken Einbrüchen die Lage dort sehr kritisch zu gestalten. Deshalb blieb der Teilerfolg der Division vor ihrem rechten und mittleren Regiment auch der einzige im gesamten Korpsstreifen. Der Angriff musste abgebrochen werden, bei uns ebenso wie bei dem linken Nachbarn des XIII., dem XII. Armeekorps. Die Infanterie musste auf ihre Ausgangsstellungen zurückgenommen werden. Der Russe wich nicht mehr vor einem deutschen Angriff. Er kämpfte, gleichsam mit dem Rücken an der äußeren Mauer seiner Hauptstadt. Und unsere Infanterie? Die Kompanien in der Gefechtsstärke von Zügen, Bataillone in Kompaniestärke, wochenlanger Kämpfe bei Tag und bei Nacht ohne Ablösung, ohne Unterkunft und Kälteschutz, Pioniere infanteristisch eingesetzt! Ein Zustandsbericht unseres Infanterieregiments 460 gibt über die Folgen des Einsatzes im Brückenkopf Kremenki ein erschütterndes Bild:

„Bei -10° bis -18° Kälte, Tauwetter und Regen lag die Truppe in primitiven Erdlöchern, konnte sich nicht waschen, keine Kleider wechseln und war sehr verlaust und verkräzt. Die Wäsche, vor allem die Socken, zerlumpten am Körper. Das Lederschuhwerk riss und zerfiel und die dauernd nassen und wieder kalten Füße erfroren.“

Zur Erinnerung an die große Kälte in Russland 1941

Zur Erinnerung an die große Kälte in Russland 1941

Und diese Infanteristen hielten ihre Stellungen und blieben im Gegenangriff hart am Feind, selbst wenn der Erfolg zwischen ihren Händen zerbröckelte. Eines unserer Infanterieregimenter hatte in diesem Brückenkopf Kremenki 8 gefallene, 19 verwundete und 8 kranke Offiziere, 319 gefallene, 765 verwundete, 4 vermisste und 407 kranke Unteroffiziere und Mannschaften, also insgesamt 1527 Soldaten verloren.

Auf der Gegenseite, beim Russen, spürten wir die Erfolge seines Zeitgewinnes. Seine Artillerie wurde immer stärker: mehr Rohre und mehr Munition. Seine Panzer vermehrten sich und formierten sich zu Rudeln und schließlich zu selbstständig kämpfenden Gruppen. Seine Infanterie, oft Teile der aus Sibirien herangeführten, ausgeruhten Fernostarmeen, hatte harte Einzelkämpfer, blendende Scharfschützen und gewandte Skiläufer, die in der Ausnützung von Natur und Tarnung aufgewachsen waren. Ihre Bekleidung z.T. doppelte Wäsche am Körper, wattierte Oberbekleidung, Filzstiefel, Pelzmützen mit Ohrenschutz, ja sogar gefütterte Gesichtsmasken, ersparte ihr die zehrenden, wie eine Seuche wirkenden Ausfälle.

Gefreiter Fritz Augustin vom II. IR 460 bei einer Kampfpause

Gefreiter Fritz Augustin vom II. IR 460 bei einer Kampfpause

Von der großen Lage hörten wir zwar immer noch, dass die Zangenbewegung südlich und nördlich von Moskau Fortschritte machte, aber auch diese Bewegungen wurden langsamer und es wurde härter gekämpft. Auf der inneren Linie des russischen Verteidigers tauchten die Zahlen neuer Verbände der Fernostarmee immer wieder an Brennpunkten der ganzen Mittelfront um Moskau auf. Hier war der Beweis für das intakte Verkehrsnetz von Bahnen und Straßen im Großraum der Hauptstadt und für den damit unschätzbaren Vorteil des Feindes für schnelle Reaktionen bei Schwer- und Brennpunktbildung gegeben. Wenn wir also um den 19. November herum eine leichte Entlastung vor unserer Front spürten, durften wir annehmen, dass der Russe den von uns gehaltenen Brennpunkt abbaute, um seine bedrohten Flügel an den Backen der deutschen Zange zu stärken. Mit unserer Genugtuung, unter harten Opfern starke Feindkräfte gebunden zu haben, mischte sich das Gesamtanliegen der Mittelfront zugleich. Die Zeit zwischen dem 20. November und dem 16. Dezember wirkt in der Rückschau wie das Schwanken einer Waage, in deren Schalen für die Division Leben oder Tod lagen. In Kenntnis der großen Lage auf beiden Seiten zeichnete sich bereits ab, dass der Feind uns keine Winterruhe gönnen wollte; aber ob ihm das gelänge konnten wir zu diesem Zeitpunkt in unserem kleinen Rahmen noch nicht übersehen. Wir gliederten uns tief, bildeten mit einem herangezogenen Regiment eine starke Reserve, erkundeten im Hauptkampffeld Riegelstellungen und bauten die Unterkünfte winterfest aus.

Am 16. und 17. Dezember gab es ein hartes Erwachen aus unserer Vorstellung einer einigermaßen ruhigen Überwinterung. Der Russe griff an und brach bei der von uns rechts benachbarten, sehr breit und locker stehenden 52. Infanteriedivision tief und unaufhaltsam ein. Die 260. Infanteriedivision musste ihre Reserve dorthin abgeben, sich selbst seitlich verschieben und dazu den Brückenkopf räumen. Seit dem 13. Dezember war die Temperatur bei etwa -20 Grad Kälte eingefroren. Und nun begann mit dem Rückzug der Mittelfront der Leidensweg unserer Division. Es war ihr bestimmt, von nun an nur noch den Feind abzuwehren, bis sie in ihrem letzten Kampf zwischen dem 25. Juni und dem 09. Juli 1944 unterging.

Sie blieb so lange sie existierte eine hart und zäh kämpfende Infanteriedivision. Auch in den dieser Schilderung folgenden Zeiträumen war es für Armee und Armeekorps eine Beruhigung, unsere 260. Infanteriedivision in ihrem Verband zu wissen. Sie hielt – und schlug zurück. Aber es war ihr nicht mehr vergönnt, den ihr eigenen Ruf zu bestätigen, dass sie als Mindestleistung in Vormarsch und Angriff die ihr gesetzten Ziele mit Sicherheit erreichte. Das war die Wende!

Herbert Köstlin

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