Dezember 1941: Rückzug vor Moskau

Im Zusammenhang mit dem Rückzug der deutschen Wehrmacht wurde beim Stab des Infanterieregimentes 480 in Tatatskoje am Nachmittag des 23. Dezembers 1941 die Absicht des XIII. Armeekorps bekannt, mit der 17., 52., und 260. Infanteriedivision auf Kaluga durchzubrechen, da der Russe bereits tief in der rechten Flanke, z.T. sogar schon im Rücken des Korps stand und die rückwärtigen Verbindungen störte.

Dieser Plan wurde aber wieder verworfen und es blieb bei der bisherigen hinhaltenden Kampfführung. Da keinerlei Reserven vorhanden waren, um die durchgebrochenen Feindkräfte aufzuhalten, war in Kürze damit zu rechnen, dass die in der Front eingesetzte Truppe auch nach rückwärts kämpfen musste.

Blick von Trotzkoje über die Protwa

Blick von Trotzkoje über die Protwa

Mit Beginn der russischen Gegenoffensive war natürlich prompt ein Führerbefehl eingetroffen, der die Verteidigung der Frontlinie bis zum letzten Mann forderte. Das wäre aber nur möglich gewesen wenn ausreichend Reserven vorhanden bzw. im Anrollen gewesen wären. Da dieses aber auch nicht im geringsten der Fall war, darüber hinaus alle Frontdivision mehr oder weniger stark angeschlagen waren und kaum noch über infanteristische Gefechtsstärken von mehr als tausend Mann verfügten, hätte starres Halten der Frontlinie in kürzester Frist zur völligen Vernichtung der Truppe und damit zum Zusammenbruch der gesamten Ostfront führen müssen. Um diesem Verhängnis auszuweichen, blieb nur die hinhaltende Kampfführung möglich. Nur so konnte der Zusammenhang der Front einigermaßen gewahrt werden. Auch musste die Führung bemüht sein, die langen rückwärtigen Verbindungen, die von den durchgebrochenen Feindkräften dauernd bedroht und deren Sicherung keine Kräfte vorhanden waren, zu verkürzen.

Um die Truppen noch beweglicher zu machen und von allem entbehrlichen Ballast zu befreien, wurde eine nochmalige Überprüfung der Trosse angeordnet, mit deren Durchführung ich beauftragt wurde. Was noch an Radfahrzeugen vorhanden war, wurde zusammengefasst und unter Führung des Chefs der Regimentsstabskompanie, Hauptmann Merkel, nach rückwärts abgeschoben. Diese Trossgruppe wurde später mit dem bereits am 17. Dezember nach rückwärts in Marsch gesetzten großen Trossen der 260. Infanteriedivision nordwestlich Juchnow vereinigt, wo sie sich in ihren Unterkunftsraum monatelang gegen Partisanen, durch die Front durchgesickerte und aus der Luft abgeworfene Feindgruppen zu wehren hatte.

Als einzige Radfahrzeuge blieben die Feldküchen bei der Truppe. Im Übrigen wurden Panjeschlitten requiriert und folgendes Soll fest gesetzt:

•          Bataillonsstab: Kommandeursschlitten, Verwundeten-Schlitten, 2 Schlitten für Nachrichtengeräte und Munitionsreserve, Verpflegungsschlitten.

•          Schützenkompanie: Verwundeten-Schlitten, Munitionsschlitten, Verpflegungsschlitten.

•          Schwere Kompanie: Verwundeten-Schlitten, 2 Munitionsschlitten, 2 Geräteschlitten, Verpflegungsschlitten.

Rückzug bei -40 Grad!

Rückzug bei -40 Grad!

Für Gepäck brauchte kein Transportraum vorgesehen werden. Was der Mann besaß, trug er im Brotbeutel bei sich. Als Bekleidungs-Reserve hatte er bestenfalls 2 Paar Socken. Auch unsere Weihnachtsmänner hatten ihren Tornister in Saworowo zurücklassen müssen. Ich selbst hatte das Notwendigste in meinen Sattelpacktaschen. Es war ein großer Verdienst der Division, dass sie die entbehrlichen Radfahrzeuge und das waren so ziemlich alle bis auf die Geschütze und Feldküchen rechtzeitig nach rückwärts abgeschoben hatte und auch die pferdebespannten Nachschubkolonnen auf Schlitten umstellte. Dies war durchaus nicht bei allen Divisionen der Fall.

Wenn auch in Folge des steinhart gefrorenen Bodens und der festen Schneedecke die Fahrmöglichkeiten in der Ebene besser waren als im Sommer, so war bei Steigungen bzw. Gefälle durch die Glätte das Gegenteil der Fall. Grade in den Weihnachtstagen beobachtete ich den Stellungswechsel einer schweren Feldhaubitze beim Überwinden einer schmalen Brücke über einen tief eingeschnittenen Bachlauf. In zwölfspännigen Zug bemühten sich die Kanoniere, das Geschütz das von der schmalen Brücke in den Bach abzurutschen drohte, über dieses Hindernis zu bringen. Die Anforderung an unsere vierbeinigen Kameraden waren im Winter noch ungleich höher als im Sommer, weil ja auch für sie der Verpflegungsnachschub infolge der ständigen Bedrohung unserer rückwärtigen Verbindungen seitens durchgebrochener Feindkräfte zeitweilig unterbunden war. Die in Schnee und Eis erstarrte Natur konnte nichts geben, im frontnahen Gebieten befanden sich keinerlei Vorräte, so dass die armen Tiere gezwungen waren, das vollkommen ausgelaugte Dachstroh der russischen Katen zu fressen, was sie immer mehr von Kräften kommen ließ. Selbst die genügsamen Panjepferdchen waren bei einer derartigen Verpflegung den Anstrengungen nicht mehr gewachsen und gingen wie ihre westeuropäischen Kameraden elend zugrunde. Zeitweise sollen während dieses Winterfeldzuges an der Ostfront täglich bis zu 5000 Pferde umgekommen sein.

Dächer werden zu Pferdefutter

Dächer werden zu Pferdefutter

Am 23. Dezember abends wurde die Front weiter zurückgenommen. Dabei verlor die 13. (Infanteriegeschütz-) Kompanie ihre letzten leichten Geschütze bei einem Überfall durch eine durchgebrochene feindliche Abteilung, samt Bespannung. Die schweren Geschütze waren bereits einige Tage vorher gesprengt worden, weil sie mangels Pferden nicht zurück transportiert werden konnten. Diese Kompanie wurde von nun an unter Führung des eben eingetroffenen Oberleutnants Miczynski als Schützenkompanie eingesetzt. Auch trat die bisher zum Infanterieregiment 470 kommandierte Kompanie des Oberleutnant Gölz zum Regiment zurück. Beide Kompanien wurden zunächst dem SS-Bataillon unterstellt, dass wenige Tagen zuvor dem Regiment zugeführt wurde.

Infolge der unglücklichen Entwicklung der Lage war die Stimmung der Truppe sehr gedrückt, zumal auch seit etwa 10 Tagen keine Post mehr aus der Heimat gekommen war. Die einzige Verbindung zur Heimat war der Wehrmachtrundfunkempfänger. Ich verlebte den Heiligen Abend zum Teil bei meinem Bataillonsstab, z. T. beim Divisionsstab dem ich als Verbindungsoffizier zum Regiment 480 zugeteilt war. Stabsquartier war Gorjanowo. Hier sah ich auch noch einmal Hauptmann Merkel, bevor er mit seinem Tross ab rückte. Am 26. und 27. Dezember wurden die Absetzbewegungen fortgesetzt. Wobei am 27. Dezember das Infanterieregiment 480 im Rahmen der Division aus der Front gezogen wurde.

Am 28. Dezember 1941 vormittags wurde die Kompanie des Regiments aus dem Verband des SS-Bataillons heraus gelöst und in Selivakino zum Bataillon Gaudig zusammengefasst. Das SS-Bataillon verblieb als 2. Bataillon beim Regiment. Inzwischen hatte sich die Lage für das XIII. Armeekorps folgendermaßen entwickelt: Der Russe hatte sich aus dem Raum Kaluga vorstoßend, unseren rückwärtigen Bewegungen vorgelegt und sperrte eine der Hauptrückmarschstraßen des Korps, die über Nedelnoje nach Detschino an Straße Kaluga – Malojaroslawez gelegen führte. Es blieb also nur einem Durchbruch nach rückwärts. Die 268. Infanteriedivision erhielt den Auftrag, die Straße nach Detschino freizukämpfen.

Am 28.Dezember mittags sollte das Regiment über Nedelnoje in nordwestlicher Richtung auf Khrustali antreten, um von dort Aleshkowo, an der Straße Detschino – Malojaroslawez, zu erreichen. In Nedelnoje wo vor einigen Tagen ein feindlicher Skiverband unseren Division Nachschub einschließlich Feldpost überfallen hatte es sah entsprechend aus gab es schon den ersten Halt, weil der 268. Infanteriedivision der Durchbruch nach Detschino nicht auf Anhieb gelungen war. Fast hätte der Kommandierende General des XIII. AK., General der Infanterie Felber das Regiment zur Unterstützung dieser Division eingesetzt. Dieser Kelch ging aber nochmals an uns vorüber, und das Regiment konnte am Nachmittag den Marsch in der vorgesehen Richtung fortsetzen.

Nachschub

Nachschub

Nach Übernachtung am 28./29. Dezember in Vetkino (südlich Khrustali) marschierte das Regiment am 29. Dezember in Richtung Khrustali weiter. Es war ein kalter klarer Wintertag. Von Norden her hörte man aus Richtung Malojaroslawez (Rollbahn Roslawl – Moskau) laufend Bombeneinschläge feindlicher Luftangriffe. In Khrustali herrschte ein heilloses Durcheinander, weil sich hier Nachschubkolonnen dreier Divisionen kreuzten, alle mit pferdebespannten Radfahrzeugen. Bis sich dieses entwirrt hatte vergingen einige Stunden.

Bei Iwanowskoje, die Sonne war bereits untergegangen, erhielt ich den Befehl, das Dorf Stepischewo, an unserer Rückmarschstraße einige Kilometer weiter westlich gelegen, anzugreifen, da es der Russe angeblich genommen hätte, um die Straße Khrustali – Aleshkowo zu sperren, nachdem die 268. Infanteriedivision die Straße Nedelnoje – Detschino freigekämpft hatte. Als sich das Bataillon bereits bei Dunkelheit dem Ort näherte stellte sich heraus, dass das Dorf in eigener Hand war. Der Russe hatte zwar angegriffen, war aber abgewiesen worden. Kaum hatte ich in Übereinkunft mit den dort befindlichen Einheiten die Sicherung der Ortschaft geregelt, kam ein Hilferuf vom Regiment: „Der Feind hat Iwanowskoje genommen, eine Kompanie sofort wieder zurück und den Ort wieder gewinnen.“

Ich setze die 13. Kompanie mit dem entsprechenden Kampfauftrag umgehend in Marsch. Es gelang ihr den Nordwestteil des Dorfes zu nehmen, den lang gestreckten Ostteil behielt der Russe. Auf Grund dieser Meldung marschierte ich mit dem übrigen Bataillon ebenfalls nach Iwanowskoje zurück. Der sofort angesetzte Nachtangriff gegen den Ostteil des Ortes misslang. An sich war mit der Besetzung des Nordwestteils von Iwanowskoje der Auftrag insofern erfüllt, als der Russe von seinem Ortsteil aus keine Einwirkung auf die Straße Khrustali – Aleshkowo hatte. Dieser zog sich etwa 400 Meter südlich der Straße in südostwärtiger Richtung hin, wobei die Straße durch dazwischen liegendes, mit Kusseln besetztes Hügelgelände gegen die Ortschaft abgeschirmt wurde. Ich beabsichtigte daher nicht, den Angriff gegen den vom Feind besetzten Ortsteil zu wiederholen.

General der Infanterie Felber besucht die Division

General der Infanterie Felber besucht die Division

Am Vormittag des 30. Dezember begann ein Major einer mir unbekannten Dienststelle in Aleshkowo dauernd darauf zu drängen, ich sollte den Russen ganz aus Iwanowskoje hinauswerfen. Ich versuchte dem Mann klar zu machen, das der Feind keinerlei Einwirkung auf die Straße Khrustali – Aleshkowo hätte, daher ein nochmaliger Angriff nicht notwendig sei. Außerdem hätte ich von meinem Regiment, das über die Lage orientiert sei, weitere Befehle abzuwarten. Leider war dann die Verbindung zum Regiment für längere Zeit unterbrochen. Der Mann in Aleshkowo wurde immer zudringlicher und drohte schließlich mit dem Kriegsgericht, wenn ich seinen Befehl nicht ausführte. Dabei gab er allerdings endlich den Grund seines Drängen bekannt: Am Ostrand von Iwanowskoje sollte die neue Widerstandslinie der 263. Infanteriedivision verlaufen, die am 30. Dezember dort zum Einsatz kommen würde. Das gab der Sachlage natürlich ein ganz anderes Gesicht.

Für 14:30 Uhr befahl ich den Angriff. Die 11. Kompanie griff rechts, die 1. Kompanie griff links der Dorfstraße an. Die 13. Kompanie blieb in ihrer Stellung am Südrand des Westteiles der Ortschaft und sicherte somit die offene rechte Flanke des Bataillons. Die schweren Waffen, vor allem die mittleren Granatwerfer, unterstützten wirksam den Angriff, die Granatwerfer derart das ihr Feuer stets vor der Angriffspitze herlief. Der Russe leistete nur zu Anfang stärkeren Widerstand.

Um 15:30 Uhr war die ganze Ortschaft in unserer Hand. Als ich mich zu meinem alten Gefechtsstand zurück begab, kam mir bereits der Führer des I. Bataillons des Infanterieregiments 463 entgegen, das mein Bataillon um 19:00 Uhr ablösen sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt traf ich meine Vorbereitungen für den Abmarsch. Inzwischen bekam ich auch wieder Verbindung zum Regiment das für die Nacht vom 30. zum 31. Dezember den Marsch auf Detschino anordnete.

Die Bilanz der Episode Iwanowskoje: 13 Tote, 37 Verwundete, und 50 Erfrierungen also rund 100 Mann in 24 Stunden. Diese Aufstellung zeigt mit erschreckender Deutlichkeit den hohen Prozentsatz der Opfer der Kälte gegenüber den blutigen Verlusten.

Majors Hellmuth Gaudig, Infanterieregiment 480

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