September 1939: Geheimnisvolle schwarze Katze – Nächtlicher Spuk an einem Brückenkopf der Westfront

Es war an der Westfront in einer jener unvergessenen Mondnächte am Ende des ersten Kriegsmonats.

Die Brücke in Neuenburg am Rhein
Die Brücke in Neuenburg am Rhein

Mit einem Kameraden stand ich um die Mitternachtszeit auf Doppelposten am Neuenburger Brückenkopf. Seit einigen Tagen war dieser nächtliche Wachdienst aus seinem ewigen Einerlei heraus für uns etwas besonders geworden. Einmal, weil am Abend der klare Spätsommertag in eine ebenso klare Nacht überging, ohne das sich Dunst oder Nebel dazwischen gelegt hätten. Zum anderen aber auch wegen der Katze, von der man nun schon im ganzen Abschnitt sprach, als von etwas Sagenhaften; wegen der Katze, die Abend für Abend in unserem Postenbereich auftauchte kurz stutze und dann mit einem Satz auf die Eisenbahnbrücke sprang und hinüber zum anderen Ufer lief, hinüber zu den Franzosen.

Die Meinungen über diesen nächtlichen Spuk waren geteilt. Die meisten lachten über die ganze Geschichte. Doch gab es genug Leute, die der Sache Bedeutung zu maßen und ihre Zahl vermehrten sich mit jedem neuen Tag. Auf alle Fälle lag der Befehl vor, die Katze nach Möglichkeit zu fangen. Ich saß daher auf der Lauer, dem Feind den Rücken zukehrend. In der Hand hielt ich ein großes Fangnetz.

Der Bahndamm lief gerade aufs Dorf zu, von dessen Dächern einige im hellen Mondschein glitzerten, die übrigen aber umso dunkler und schroffer von den mattgrünen Rebenhügel abhob, die dahinter lagen. Links des Dammes war das flache Land mit unzähligen Gemüsegärten bedeckt, in denen sich bereits die ersten Schleier des Frühnebels versteckt hielten. Rechterhand stand warm und lockend der Rheinwald. Hinten am Horizont waren die Schwarzwaldberge.

Brückenwache
Brückenwache

Drüben im Bunker da schnarchten sie jetzt. In einer schwachen Stunde würde auch ich mich wieder auf die Falle strecken und den Teppich über die Ohren ziehen… und schlafen, schlafen…. Doch halt! Was huscht den dort die Schienen entlang, so dunkel und länglich, so geduckt… sollte das? – Atemlos umklammerte ich den Griff des Fangnetzes. Nun war sie auf meiner Höhe und ich schlug zu. Ein leiser Schrei. Ich warf mich über das Netz; doch mein Atem stockte-: das war nicht möglich! Nein das konnte nicht sein! Was ich in Händen hielt, worauf ich kniete – es war gar keine Katze, – es war ein Menschenkörper!

Kalter Schweiß rannte mir über die Schläfen. Ich zitterte. Mit klammen Fingern hielt ich das Netz auf dem Boden. Darunter begann es sich zu regen. Und mit einem Mal war da das Gesicht eines Mädchens unter dem Netz, ganz nahe bei meinem, fahlhell vom Mond beschienen. Dunkle Augen blitzten mich an! Ich wollte rufen. Aber das Wort blieb mir in der Kehle stecken. Ich schaute weg und starrte wieder darauf hin, erkannte und sah… es war die Mizzi, dieser schwarze Teufel aus dem Gasthof „Schloss“ die sich unter meinen Armen wand. „Lass mich!“ zischte sie noch einmal Dann begann sie zu winseln. „Du tust mir Unrecht. Du weißt nicht was ich hier wollte!“ flehte sie und blickte mich schmachtend an. „Lass mich wenigstens aus dem Netz – ich kann sowieso nicht davonlaufen! Bitte, bitte“.

Eigentlich hatte sie recht! Langsam zog ich das Netz von ihrem Körper, packte sie aber gleich hart am Handgelenk. „Au – du tust mir weh!“ lachte sie da plötzlich und wollte aufspringen, stolperte und fiel so, dass sie nahezu in meinem Armen lag. Nicht genug, sie kuschelte sich regelrecht gegen mich und flüsterte: „Wie schön es heute Abend ist!“

„Halt den Mund!“  fuhr ich sie an und riss an ihrem Handgelenk. Denn ich hatte doch eine maßlose Wut! Zum Teufel noch mal mit ihren zierlichen Händen und dem Duft ihrer Haare, die jetzt gerade meinen Mund streiften. Freches Weib! Klaut die Mappe von meinem Chef mit ihrer Schmiegsamkeit. Und jetzt will sie auch mich noch drankriegen, mitten im Wachdienst!

Aber da spürte ich schon ihren Hauch an meinen Lippen. „Du dummer Junge!“ flüsterte sie und drängte mir einen Kuss auf. Ich weiß nicht, aber ich lies etwas locker an ihrem Handgelenk. Und gleich hatte sie beide Arme um meinen Hals geschlungen: „Und du meintest, ich liefe dir davon!“ lachte sie mit ihrer glockenhellen Stimme. „Ganz finster hast du dreingeblickt – und bist doch gar nicht böse!“ schmeichelte sie weiter…. Und lag in meinen Armen.

Ich wollte sprechen. Da hielt sie mir den Mund zu mit ihren warmen Händchen und hauchte: „Nicht sprechen Liebling!“. Im selben Augenblick aber – noch heute überläuft es mich kalt, wenn ich daran denke – gibt sie mir einen Stoß, dass ich zurückfliege, während die rechte Hand aus meiner Rocktasche, die sie mir geöffnet hat – das bemerkte ich erst jetzt – mein Geheimbuch reißt. Sofort schnelle ich wieder hoch. Aber da ist sie schon ein paar Schritte weg, die Mappe unterm Arm. Gleich wird sie mit einem Satz hinter der Böschung verschwinden!

Ich reiße meine Pistole heraus und will in Anschlag gehen, da fällt mir mein Kamerad in den Arm und fährt mich an: „Mensch Hermann! Bist du verrückt? … auf wen willst du den schießen??“ „Aber“ schreckte ich auf… und merkte, dass ich geträumt hatte. Ich muss eingeschlafen sein; dies alles war gar nicht geschehen. Meine Pistole aber hatte auf einen Busch am Bahndamm gezeigt. „Hermann, ich glaube, du hast einen Rausch!“ sagte der Kamerad. Fassungslos steckte ich die Waffe weg. Da plötzlich fährt er zurück und schreit: „Da ist sie!“ – aber zu spät. Der Schatten der Katze, die in diesem Augenblick tatsächlich an uns vorbei gewischt war, huschte schon wieder fern im Brückentunnel.
Hermann Binder

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