September 1939: Wanderer hinterm Westwall

Wenige Tage nach Kriegsausbruch stand unser Infanterieregiment 480, größtenteils aus Reservisten zusammengestellt, zum Abmarsch bereit.

Am 11. September 1939 war es dann soweit: Verladung in Nürnberg, Abfahrt in Richtung Westen. (Anm. des Verfassers: Mein Großvater war hier wohl noch nicht beim Infanterieregiment 480, er absolvierte gerade seine Grundausbildung)

Teile der Division auf dem Marsch
Teile der Division auf dem Marsch

Zunächst bekamen wir den Westwall und seine Bunker noch nicht zu sehen. Unser erster Aufenthalt vom 12. bis zum 26. September war vielmehr in Hüsingen nahe der Schweizer Grenze. Wir waren einmal mehr Korpsreserve und dann in Bereitschaft einen etwaigen französischen Angriff über die Schweiz abzuwehren.

Vom 27. September bis 22. Oktober lagen wir dann als Regimentsreserve in Haagen. Nun begann unsere eigentliche „Bunkerzeit”, die Abwehrbereitschaft am Oberrhein. Nie zuvor gehörte Ortsnamen wurden zu unvergesslichen Erinnerungen: Friedlichen, Kirchen, Märkt, Haagen, Eimeldingen. Jeder Name ein Begriff mit dem sich ungezählte schöne Stunden für immer verbinden lassen.

Was haben wir in diesem harten Winter 1939 / 1940 an Gräben und Stellungen gebaut, wir haben den Franzosen gewunken und sie auch beschossen, ebenso wie sie uns beschossen. Was waren das für Bunker-Weihnachten, in unserer Freizeit haben wir viele zarte Bande geknüpft. Es ließen sich Bände schreiben über diese unvergessliche Zeit. (Anm. des Verfassers: mein Großvater war ab dem 18. Dezember 1939 Angehöriger der 2. Kompanie / Infanterieregiment 480).

italienische Offiziere besuchen die Division
italienische Offiziere besuchen die Division

Am 18. April 1940 ging sie zu Ende. Unsere Kompanie lag in Eimeldingen als Regimentsreserve als der Abmarschbefehl eintraf, der die großen Verschiebungen der nächsten Tage und Wochen einleitete. Der Tag war auch durch hohen Besuch geprägt: eine Abordnung italienischer Offiziere nahm im Gasthaus „Zum Ochsen” ihr Mittagessen ein.

Unsere Kompanie stellte einen Chor für ein Tafelkonzert. Wir müssen gut gesungen haben, denn zum Dank hielt einer der Italiener eine vom südländischen Temperament geprägte Ansprache in der er die deutsch-italienische Waffenbrüderschaft pries.

Am Abend dieses Tages – es wurde eine frische, klare Vorfrühlingsnacht – traten wir an. Zunächst ging es nicht sehr weit. Ein einziger Nachtmarsch brachte uns über Lörrach in den Raum von Rheinfelden-Steinen. Unsere Kompanie bezog Quartier in Karsau und Beuggen. Damit begann ein neues „Kriegs-Idyll” für uns. Der junge Rhein, der junge Frühling, die jungen Mädchen – das alte Schloss, die alten Stätten am Rhein: Säckingen, Rheinfelden – und das alte Lied: Kompanieübungen…und zwischendurch wieder viele persönliche Erlebnisse, Eindrücke und Erinnerungen. So vergingen die Tage, die ersten Frühlingstage des Jahres 1940, wie ein schöner Traum. Am 03. Mai 1940 war der Traum jedoch zu Ende. Vier Nachtmärsche brachten uns in den Raum Donaueschingen.

Die plötzlichen, hohen Anforderungen an die marschentwöhnten Beine verursachten einiges Unbehagen. Am Morgen nach dem ersten Nachtmarsch bei Todtmoos im Schwarzwald fühlte es sich schlimm an. Doch bald zeigte sich, das alles halb so schlimm war: die Füße liefen sich ein, der Körper gewöhnt sich an die Märsche. Es wurde von Nacht zu Nacht besser. Zumal auch die Tagesunterkünfte besser wurden. Am 07. Mai 1940 zogen wir singen in unsere Endunterkunft Sunthausen bei Bad Dürrheim ein.

Völlig erschöpft schlafen die Marschierer ein!
Völlig erschöpft schlafen die Marschierer ein!

Es ist 6 Uhr morgens, unsere Lieder brechen sich in den stillen Straßen der Stadt. Bald darauf sinkt die ganze Kompanie in tiefen Schlaf.

Es folgen wieder 10 Tage Dauerunterkunft. Wieder wird eine Reihe von Bataillonsübungen durchgeführt, die auch vor dem Pfingstmontag nicht halt machen. Allerdings im Großen und Ganzen ein beschauliches, friedensmäßiges Dasein.

Am 10. Mai 1940 erfahren wir auf dem Marsch zu einer Übung nach Donaueschingen vom Beginn des Krieges gegen Frankreich. So verlaufen die Tage von Sunthausen und immer drängender wird die Frage: Wo werden wir eingesetzt? Am 17. Mai beginnt das „Wandern hinterm Westwall” von neuem. Am Abend dieses regnerischen Tages verlassen wir Sunthausen und marschieren nachts bis Stetten an der Donau. Es hellt nach einigen Marschstunden auf und wird und damit beginnen 4 Nächte des Marschierens unter einem herrlichen Mond der uns das Wunder deutscher Frühlingsnächte zeigt. Es wird ein prachtvolles Wandern

Tal auf, Tal ab durch die „Raue Alb” mit unvergesslichen Landschaftseindrücken. Die Sauberkeit und der freundliche Charakter der württembergischen Dörfer wirken bestechend.

Am 21. Mai werden wir in Tübingen verladen. Neben dem Westbahnhof liegen wir stundenlang in der heißen Sonne. Die Nachbarn schleppen unaufhörlich herbei was immer sie zu geben haben. Um 16:00 Uhr setzt sich der lange Transportzug in Bewegung. Er führt die drei ersten Kompanien des I. Bataillons mit sich. Überall stehen Menschen an der Strecke und winken uns zu. Sie wünschen uns alles Gute, denn sie wissen dass es gen Westen geht, wo die Wehrmacht vor 11 Tagen zum Angriff antrat.

Beim Morgengrauen des 22. Mai 1940 fahren wir durchs Hessische, dann weiter in Richtung Norden bis knapp vor Köln. In Troisdorf plötzlich scharfe Kursänderung. In spitzem Winkel wird von Nord nach Südwest abgedreht. Südlich von Bonn überschreiten wir den Rhein.

Und dann eine Prachtfahrt auf der Nebenstrecke die sich durch viele Tunnels das Ahrtal aufwärts zieht. Die unendlichen Weinberge, mühselig angelegt in oft winzigen Terrassen bis auf fast überhängende Felsgipfel, begleiten uns lange. Schließlich wichen sie dem mageren Boden der unwirtlichen Eifel.

Nach genau 24 Stunden Bahnfahrt verlassen wir am 22. Mai um 16:00 Uhr den Zug in Bitburg. Dieses Städtchen hat seit Tagen unendliche viele Truppen passieren gesehen und steht ganz im Zeichen dieses gewaltigen Aufmarsches.

Noch am selben Tag geht es 20 Kilometer weiter. Um 22:30 Uhr treffen wir in Greimelscheid (heute Lambertsberg) ein, einem armseligen Eifeldörfchen in dem wir die beiden letzten Nächte unter deutschem Himmel verbringen sollen.

Benno Tins

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