Oktober 1941 – „Ich werde heute fallen!“ – Der Tod des Leutnant Hablitzel

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir mit unseren fünf Sinnen kaum fassen oder erklären können. Dass es soweit ist, weiß ich seit den ersten Oktobertagen 1941 und zwar genau seit dem Tag an dem unser Kamerad Jupp Hablitzel in den Weiten des Ostens sein Leben lassen musste.

Wir waren vier unzertrennliche Kampfgenossen geworden, seit wir uns zu Beginn des Krieges bei der Aufstellung der Aufklärungsabteilung 260 im Raum Aulendorf zusammengefunden hatten: Josef Hablitzel aus Ravensburg wo er für seine Heimatzeitung tätig war, mein alter Seminarkamerad Konrad Böhming, Gebhardt Reck – mein bester Freund und Kriegskamerad aus Herbertingen, bei Kriegsbeginn Lehrer bei Leutkirch – und schließlich ich selbst, ein junger Schulmeister aus Friedrichshafen.

am Oberrhein

am Oberrhein

Bald lagen wir zwischen Grenzach und Schliengen am Oberrhein, übten zusammen mit unseren Schwadronen, genossen gemeinsam die Schönheit des Markgräfler Landes und die Güte des Weines am Kaiserstuhl und im Breisgau. Der Westfeldzug und der gemeinsame Schmerz um die Kameraden Schall und Siegel schweißten uns noch mehr zusammen. Fast ein Jahr erfreuten wir uns in Burgund, am Fuß der Côte d’Or, nach dem täglichen Truppendienst an den Kunstschätzen dieses herrlichen Landstriches und der Vielfalt seiner köstlichen Weine Wir ritten Seite an Seite durch das herbstliche Land uns saßen abends lange im Gespräch beisammen.

Im Juli 1941 waren wir dann in Russland und sahen uns meist nur bei den täglichen Lagebesprechungen, bis die wochenlange „Pause“ vor den verhängnisvollen Oktoberangriffen kam. Unsere Division war von der nördlichen Ukraine zwischen Tschernigow und Kiew weit nach Nordosten an die Obere Desna in einen neuen Einsatzraum verlegt worden. In den wenigen Ruhetagen kam die Post nach. Man schrieb Briefe, reinigte sich gründlich in der Sauna und schlief wieder einmal aus. Jene letzten Septembertage waren noch recht warm und sonnig. Doch der Oktober kam heran und mit ihm der Befehl zu neuen Einsätzen.

Nun brach jener Morgen an, dessen Ereignisse mich immer wieder beschäftigen. Der Marschbefehl war am Abend zuvor gegeben worden, die Erste und die schwere Schwadron hatten sich in einem kleinen Birkenwäldchen bereitgestellt. Die Männer lagen weit auseinander gezogen und gut getarnt am Waldrand; Gebhardt, Jupp und ich am südlichen Ende des Wäldchens.

Jeder hing seinen Gedanken nach und ahnte wohl, dass mit dem bevor stehenden Angriff und dem herannahenden Winter harte Prüfungen bevor standen. In diese Stille hinein platzte das Knattern eines Motorrades: ein Melder hielt in einiger Entfernung und rief nach dem Leutnant Hablitzel.

Wir hoben die Köpfe und sahen den Mann heran kommen. Er übergab unserem Kameraden ein Schreiben, das dieser vornübergeneigt las. Nach langer Pause reichte er Gebhardt und mir das Papier herüber: „Macht ihr das, ich kann es nicht.“ Wir lasen gemeinsam jenen bekannten Tagesbefehl, der die Oktoberoffensive einleitete mit der irrsinnigen Behauptung, der Feind im Osten sei geschlagen, es gehe jetzt nur noch um ein Aufräumen, dann sei der Weg nach Moskau frei.

Dieser Befehl sollte vor der Truppe sofort verlesen werden. Gebhardt wandte sich zuerst an Jupp: „Warum willst du den Befehl nicht verlesen, was ist los mit dir?“ Klar und bestimmt kam die Antwort: „Ich kann es nicht, ich falle heute!“

Erschreckt und zunächst sprachlos starrten wir ihn an, bis Gebhardt sich aufrafft: „Fehlt Dir was, hast Du schlechte Nachrichten von zu Hause?“ „Nein, lass’ nur, es ist nichts. Ich weiß es eben!“ Auch ich versuchte ihn aufzumuntern und ihm einzureden, das sei gewiss nur eine momentane Stimmung; doch empfand ich dabei auch meine Hilflosigkeit in einer solchen Lage, selbst dem Freund gegenüber. Sein Blick ließ uns dann verstummen.

Bald kam der Befehl zum Vormarsch. Das befürchtete Artilleriefeuer blieb aus, es fiel kein Schuss und schon gegen 08:00 Uhr hatten wir das befohlene Tagesziel erreicht. Am Rand eines lang gezogenen Dorfes gingen wir in Stellung und setzten Sicherungen ein. Der Tag war trocken und sonnig, wir alle waren guter Dinge.

Gegen Mittag – die Feldküche hatte in der sehr breiten Dorfstraße „Stellung“ bezogen – ging ich auf diese zu und sah dabei von der anderen Seite Jupp Hablitzel kommen. Erfreut ging ich auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen: „Siehst Du, es ist alles gut gegangen, nichts ist passiert und schon sind wir hier.“ Mit einem Blick, der mich hart traf entgegnete er: „Lass’ nur!“ Ich fragte: „Ist dir immer noch wie heute früh, bist du noch derselben Meinung?“ „Ja!“ Hilflos wie am Morgen konnte ich das Gespräch nicht fortsetzen. Die Männer kamen um ihr Essen zu holen und wir verloren uns unter ihnen.

Rast nach anstrengenden Märschen und Kämpfen

Rast nach anstrengenden Märschen und Kämpfen

Überraschend lief kurz nach Mittag ein Marschbefehl ein, der besagte, das es an der ganzen Front kaum Feinberührung gegeben und der Gegner sich weit zurückgezogen habe; man rücke deshalb heute noch weiter vor. Weg, Zeit und Ziel waren wie üblich genau vorgegeben. Da die Radfahrschwadron von Jupp Hablitzel langsamer voran kam, war ich mit dem voll motorisierten Zug als erster an einem Bach angelangt, konnte jedoch nicht weiter, da der Gegner den Übergang gesprengt hatte.

Ein Pionierhauptmann war mit seiner Kompanie schon dabei, die Holzbrücke wieder befahrbar zu machen, sie war sogar beinahe fertig. Die letzten Bohlen der Fahrbahn wurden gerade eingelegt und die Pioniere waren damit beschäftigt, diese festzumachen und ein Geländer anzubringen. Ich meldete mich bei dem Hauptmann mit der Bitte, mich mit meinen 13 Fahrzeugen doch gleich passieren zu lassen, denn nach etwa 10 Kilometern würden wir unser Ziel erreichen und hätten dann noch bei Tageslicht Gelegenheit in Stellung zu gehen und uns einzurichten. Ziemlich barsch wurde ich abgewiesen mit der berechtigten Begründung, dass die Pioniere an diesem Tag schon mehr geleistet hätten als wir und auch baldige Ruhe verdient hätten. Er gab mir den Rat, meine Fahrzeuge bei einer nahe gelegenen Kolchose in Deckung abzustellen und die Soldaten ruhen zu lassen.

Diesen Rat gab ich als Befehl an den immer zuverlässigen Wachtmeister Birnbaum weiter und lies Hans Willmann mit meinem Wagen unter einem in der Nähe stehenden Baum fahren. Ich selbst setzte mich, kaum 50 Meter von der Brücke entfernt an die Böschung des Baches, um gleich zur Stelle zu sein, wenn der Übergang freigegeben werden würde.

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da wurde ich durch die Stimme meines Freundes Hablitzel aus meiner Träumerei gerissen. Er war mit seinem Wagen dicht an die Brücke herangefahren und schritt, forsch wie immer, auf den Hauptmann zu. Heute noch, nach über 30 Jahren, sehe ich die Sache deutlich vor mir. Der Hauptmann wollte ihn – wie mich – abweisen. Doch während des Gesprächs waren die Männer der Spitzengruppe, sich mit ihren Rädern durch den tiefen Sand quälend, herangekommen und standen in respektvoller Entfernung um die beiden Offiziere, das eine Bein über der Lenkstange, mit dem linken Stiefel im Sande stehend, bepackt mit ihren Waffen, durch geschwitzt und abgehetzt.

„Lassen sie wenigstens mich mit meinem Wagen über die Brücke, die Männer tragen ihre Räder durch den Bach“ hörte ich Jupp sagen. Dann geschieht das unerklärliche. Der Hauptmann tritt, sei es durch den Anblick der Soldaten dazu bewogen, zur Seite und gibt mit einer Handbewegung den Weg frei. Hablitzel grüßt zu mir herüber, eigenartig lächelnd wie ich seither meine, und springt in seinen Wagen. Schon rollt er über die Brücke.

Ich beobachte die Soldaten, wie sie die steile Böschung zum Bach hinunter ihre Räder tragen und durch das flache Wasser stapfen, voran der kleine, drahtige, tapfere Wachtmeister Fischer aus Meckenbeuren, der selbstverständlich das Kommando übernommen hat, nicht ahnend das er seinen Leutnant nicht mehr lebend wieder sehen wird.

Kurze Zeit noch sehe ich den Männern zu, wie sie drüben sich auf den Hang hinauf quälen. Dann gehe ich zu Karl Birnbaum, um ihn zu sagen, das wir uns zum Weitermarsch fertig machen können. Schließlich begebe ich mich noch eine halbe Stunde zu den einzelnen Gruppen des Zuges.

Als ich zu meinem Wagen zurückkomme, fährt gerade Gebhardt Reck heran, springt aus dem Wagen, kommt aufgeregt auf mich zu und fasst mich am Arm: „Komm’ mit! – Hablitzel ist gefallen, fünfhundert Meter von hier auf eine Mine gefahren. Das rechte Vorderrad hat sie erwischt, der Fahrer ist nur leicht verwundet.“

Langsam und schweigend gehen wir zu Gebhardts Wagen, rollen über die Brücke und durch einen tiefen Sandweg nach rechts, den leichten Hang hinauf. Einige Pioniere stochern mit ihren Minensuchnadeln im Sand herum und suchen Minen, von denen schon eine Anzahl am Wegesrand liegt.

Da vorn, links vom Weg, steht ein einsamer Baum. Vor ihm machen sich noch zwei Männer an einem frischen Holzkreuz zu schaffen. Wir lassen den Wagen stehen und gehen mit müden Schritten auf das Grab zu. Davor stehen wir dann hilflos und einsam, mit hängenden Köpfen. Niemand sagt ein Wort. Es schüttelt mich und meine Kehle ist wie zugeschnürt. Stumm blicke ich zu Gebhardt hinüber, auch er weint. Wir grüßen unseren Toten Freund noch einmal: „Ich hatt’ einen Kameraden!“

Die Beine wollen mich kaum tragen als wir zurückgehen. Am Wagen findet Gebhardt die ersten Worte: „Denkst du noch an das Gespräch von heute morgen?“ Langsam rollt unser Wagen zurück. Erst nach Tagen können wir uns über unseren Freund Jupp Hablitzel freier unterhalten und jeder erinnert sich genau an dessen Worte am Morgen des 02. Oktober 1941 im Birkenwäldchen. Doch was bleibt sind Fragen und Rätsel: Ich durfte nicht über die Brücke, vielleicht hätte auch Hans Willmann die Mine nicht erwischt. Wer kann eine Antwort geben?

Karl Markert

Anmerkung des Verfassers:

Nach Angaben des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist Oberleutnant Hablitzel am Westrand der Ortschaft Woronowo bestattet worden.

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