Die Familie meiner Großmutter lebte in Triebl – einem kleinen Dorf im Sudetenland, in dem auch mein Vater gebohren wurde.
Rudolf Baierl, der Bruder von Oma Resi war Huf- und Wagenschmied. Im Jahr 1940 wurde er aus der Schmiede des Hofgutes, oder Meierhofes wie man damals sagte, zum Aufseher der gefangenen Franzosen, Russen, Polen und Slowaken bestellt. Er war überzeugter Nationalsozialist, seit 1939 das Sudetenland „Heim ins Reich“ geholt worden war.
Trotzdem war er Mensch geblieben und hat die Fremdarbeiter –
wie er sie damals nannte – auch als solche behandelt.
Der Aufseher, der vor ihm den Posten hatte, hat die Kriegsgefangenen ständig geschlagen, sie hungrig zur Arbeit geschickt und im Sommer während der Erntearbeit bei großer Hitze ohne Trinken schuften lassen. Wer vor Erschöpfung umfiel, bekam noch eine Bestrafung obendrauf. Er wurde versetzt und kam nach Zinnwald, heute ein Grenzort zu Tschechien, wo er kurz nach Kriegsende erschlagen wurde.
Die „Fremdarbeiter“, die Rudi unter sich hatte wurden anständig behandelt, die Slowaken durften sich sogar Schnaps brennen, was für die Aufseher auch von Vorteil war.
Am 10. Mai 1945 kamen sowjetische Panzer – vermutlich die Spitze der 4. Garde-Panzerarmee – in Rudis
Dorf, der Krieg war nun zu Ende
Rudi kam wieder in die Schmiede zum Arbeiten. Nach 3 Wochen wurde er abgeholt und kam in ein Internierungslager in dem alle Nazis in Baracken untergebracht wurden.
Von dort wurden sie mit Lastwagen nach Aussig gefahren
um die Trümmer aufzuräumen. Die Innenstadt von Aussig war
durch amerikanische Bomben völlig vernichtet.
Es dauerte nicht lange bis die neuen Verwalter des Gutes –
allesamt tschechische Bekannte von Rudi – einen Antrag
stellten, um ihn wieder als Schmied auf das Gut zu bekommen.
Das wurde auch genehmigt, allerdings musste das Gut einen
Wachmann abstellen der tagsüber auf ihn aufpassen musste.
Abends wurde er wieder zurück ins Lager gebracht. Am 09. September 1945 kamen tschechische Bekannte zu Rudis Familie und sagten, sie müssten am nächsten Morgen die Wohnung verlassen um in ein Sammellager gebracht zu werden. Man werde sie ausweisen, sie müssten das nötigste zusammenpacken, sie hätten nicht viel Zeit. So kam es auch: sie durften nur 50 Kilogramm einpacken, wenigstens waren sie am Abend vorher gewarnt worden.
Am nächsten Morgen um 06:00 Uhr pochte es an die Tür und es wurde nur gebrüllt: „Nemeciki wen!“, das bedeutet auf tschechisch „Deutsche raus!“
Ein Soldat stand vor der Tür, ein weiterer lief in der Wohnung umher, riss alle Schubladen und Schränke auf und nahm sich was er gebrauchen konnte, und steckte es in einen Rucksack. Dann wurden alle aus dem Haus auf einen Lastwagen getrieben. Dort waren bereits andere Deutsche oben, es gab Fußtritte und Fausthiebe bis der LKW voll gestopft war.
Zum Abschied hieß es: „Jetzt ihr fahren heim ins Reich!“
Wir wurden in den Nachbarort gefahren, dort in Baracken gestopft und nochmals gefilzt. Dabei wurde Rudis Frau ihre Armbanduhr los. Niemand wusste was mit Rudi war, die Panik auseinander gerissen zu werden
war groß. Am Abend gegen 10:00 Uhr entstand Tumult vor den Baracken, es gab gebrüllte Kommandos, dann wurde die Tür aufgestoßen und Rudi wurde hinein geschubst.
Erst einmal waren alle beruhigt, jetzt vielleicht zusammen bleiben zu können. Am nächsten Morgen wurden wieder alle auf LKW gestopft und zum Güterbahnhof gefahren wo man in Viehwagons gepresst wurde.
Dort standen Männer, Frauen und Kinder 2 Tage ohne Wasser und Verpflegung. Endlich losgefahren ging es in Richtung Dresden. Dort angekommen gab es erst einmal Tee und Essen. Jeder bekam einen Beutel mit Trockengemüse für die Weiterfahrt nach Norddeutschland.
In Brahlsdorf bei Hagenow wurde die Familie Baierl in ein Quarantänelager, eine ehemaliges Lager der deutschen Fliegerabwehr, mitten im Wald gebracht.
Auf dem Stroh, welches durch viele Menschen vorher schon als Bett genutzt hatten, bekamen die Kinder Krätze. Auf Empfehlung von Sanitätern stellten sich die Kinder in einen Tümpel und rieben sich mit lehmigem Schlamm ein. Dadurch wurden die Krätzmilben abgetötet aber die Kinder fingen sich eine starke Erkältung ein denn es war bereits Oktober und ziemlich kalt.
Am 01. November wurde Rudi mit Frau und Kind nach Rostock weiter transportiert und
langsam kehrte Normalität ein.
Meine Oma Resi kam mit Sohn Eduard und ihren Brüdern Franz, der einen Wirbelsäulenschaden
hatte, und Karl nach Wetzlar.
Andere Geschwister landeten in Roth bei Nürnberg und in Trier in Rheinland-Pfalz. Die Familie war somit über ganz Deutschland verstreut und sah sich später kaum noch!
