August 1941: Im Einbruchskeil jenseits des Dnjepr

Nach den für den Stabsoffizier für Marschüberwachung und seine Truppe sehr anstrengenden Tagen des Übergangs der 260. Infanteriedivision über den Dnjepr am 14. und 15. August 1941 war der erste Tag in der Ortsunterkunft der Quartierstaffel der Division in Schtschitny ein ausgesprochener Rasttag.

Die IV.Abteilung des Artillerieregiments 260 überquert den Dnjepr - vorne Leutnant van Helden

Die IV.Abteilung des Artillerieregiments 260 überquert den Dnjepr – vorne Leutnant van Helden

Nur wenige Schüsse der Russen in der Umgebung störten die Ruhe. Da traf abends die alarmierende Meldung vom Divisionsstab aus Guta ein, dass der Gegner nördlich durchgebrochen sei und das ich die Sicherung des Ortes zu übernehmen habe. Ich lies zunächst einmal feststellen, was alles an Truppen in dem Ort lag, versammelte die Einheitsführer, teilte die Abschnitte ein und lies Posten aufstellen.

Die Nacht verlief zunächst noch ruhig, bis plötzlich am 17. August, einem Sonntag, früh um 04:00 Uhr Rittmeister Biermann – Stabskommandant der Quartierabteilung des Divisionsstabes – zu meinem Fenster hinein brüllte: „Alles raus, Alarm! Die Russen kommen!“ Ich war noch so erschöpft und schlaftrunken dass ich nur mechanisch nach der Pistole griff und mich lange nicht zurechtfand wo ich war. Dann ergriff ich energisch die Initiative. Ich organisierte den Einsatz der im Ort liegenden, ziemlich starken Kräfte, setzte die Einheiten – auch den Stab einer weiteren noch hier liegenden Division – selbst in den Stellungen ein und ging mehrmals die ganzen Linien um den Ort herum ab. Da zeigten sich im Morgennebel auch schon die ersten Rotarmisten: auf der leichten Höhenwelle etwa 1400 Meter westlich von uns zogen sie in einer langen Marschkolonne von Norden nach Süden vorbei. Die Pak und das MG eröffneten das Feuer und zeigten den Russen das wir auf der Hut waren. Eine russische Seitensicherung stieß nahe gegen meinen Gefechtsstand vor und schoss auf mich. Russische Überläufer wurden eingebracht, die aussagten das 350 Mann Infanterie den Weg für nachfolgende Artillerieabteilungen frei kämpfen sollten. Der Gegner wagte keinen Angriff und verschwand nach Süden in den Wäldern. So hob ich um 08:00 Uhr unter Belassung von Sicherungskräften den Alarm wieder auf.

Sicherung am Dnjeprübergang

Sicherung am Dnjeprübergang

Da – um 10 Uhr – erneuter Alarm! Gefechtslärm im Norden. Mitteilung der Division: „Durchbruch im Norden, Einbruch nach Schtschitny möglich“. Diesmal vollzog sich das Beziehen der Stellungen schon ruhiger und geordneter. Die 1. Sanitätskompanie 260 rückte bis weit vor die Nordflanke unseres Ortes vor um besseres Schussfeld zu haben und zwang schon durch ihr Erscheinen die Russen zum Abdrehen. Da wieder kein direkter Angriff erfolgte konnte ich um 12:30 Uhr einrücken lassen.

In Erwartung des russischer Durchbruchs

In Erwartung des russischer Durchbruchs

Gegen 15:30 Uhr wiederum Alarm und lebhafter Gefechtslärm im Südosten und Osten, wo Trossfahrzeuge des Artillerieregiments 260 im Wald überfallen wurden und verbrannten. Ich fuhr mehrmals die Stellungen und Posten ab, wies die Leute ein, die als Nachschubsoldaten teilweise ohne Erfahrung im Gefecht waren. Ich kontrollierte sogar die Visiereinstellungen der Karabiner und beruhigte allerseits. Für die Nacht ließ ich alle Mannschaften und sämtliche Offiziere und Beamte des Divisionsstabes draußen in den Stellungen liegen und bildete einen dichten Igel um den Ort herum. Unsere Kräfte waren zahlreich und wurden Abends noch durch den Einsatz der Radfahrschwadron, Pak und sogar einer schweren Feldhaubitze wesentlich verstärkt. Abends erhielten wir durch Major Düll, den Kommandeur einer Panzerjägerabteilung, die für uns günstige Nachricht, dass der kommandierende General der Russen tot, sein Chef des Stabes, ein ganzer Divisionsstab und 10.000 – 12.000 Soldaten gefangen seien und der Gegner starke Verluste gehabt habe. Ein Riesenerfolg, den ich noch in der Nacht durch die Linien bekannt geben ließ. Gleichzeitig kam aber auch die betrübliche Kunde das Hauptmann Vidal, der Ib unserer 260. Infanteriedivision, in der Nacht gefallen sei als er zum Infanterieregiment 460 vor fuhr um dort Beute-Lkw einzusehen. Es war ein sehr aufregender Tag mit schönem heißen Wetter und wolkenlosem Himmel.

18. August 1941 – mein 50. Geburtstag! Die Nacht verlief ohne russischen Angriff ruhig. Ich ließ die Offiziere Kontrollrunden gehen und die Truppe in Stellung liegen. Es herrschte große Ordnung und Zuversicht in unserer „Festung“ so dass ich um 05:30 Uhr alles unter Belassung der Posten einrücken lassen konnte. Der Gegner war abgeschreckt worden. Vormittags übergab ich das Kommando an Major Düll und fuhr auf dem nun wieder freien Wege zum Divisionsgefechtsstand nach Guta.

PAK in Stellung

PAK in Stellung

Die Fahrt offenbarte so recht das Durcheinander, das durch die russischen Einbrüche entstanden war: hier standen vernichtete deutsche Fahrzeuge herum, dort eine völlig intakte russische schwere Feldhaubitze und an der Straßenkreuzung machte gerade das Artillerieregiment 260 ihre wieder gefundenen, von den Russen nachts geraubten, Feldküchen und eine Pak wieder flott.

Der Divisionsstab 260 lag mit Ia und Ib in einem Waldlager dicht nördlich Guta, wo sich auch unter 2 schönen Birken das Grab des gefallenen Hauptmanns Vidal und zweier gefallener Fernmeldesoldaten befand, die auf Störungssuche im Wald erschossen worden waren. Wir legten einen Kranz nieder, während gleichzeitig – wie als Symbol für diese Opfer – ein großer Zug von ca. 1000 russischen Gefangenen vorbei geführt wurde.

Das Grab von Hptm Vidal bei Guta 1941

Das Grab von Hptm Vidal bei Guta 1941

Zu dem großen Erfolg den das Korps und die 260. Infanteriedivision hier errungen haben hat sicherlich auch die Verteidigung von Schtschitny durch die Versorgungsdienste der Division einen guten Teil beigetragen: unsere Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft – vom Gegner durch seine Gefechtsaufklärung sicher festgestellt – hielt ihn davon ab den Ort zu überfallen, um die Strasse zu gewinnen und zwang ihn zur Umgehung und Zersplitterung in die Wälder wo er dann vernichtet wurde. Die Lage sah wiederholt brenzlig aus, aber sie wurde durch die tapfere Einsatzbereitschaft der Verteidiger gemeistert und wir hatten Schtschitny auch gegen ernste Angriffe gehalten. Deshalb möchte ich auch diese persönliche Tagebuchaufzeichnung in dankbarer Erinnerung an die Angehörigen der Versorgungsdienste der 260. Infanteriedivision festhalten.

Dr. H. Fronmüller, Major und Stabsoffizier für Marschüberwachung

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