In Weißruthenien geblieben – Der Untergang der „Hörnle“ Division im Sommer 1944

Die große Sowjetoffensive am 22.Juni 1944 gegen die Heeresgruppe Mitte hatte sehr bald auch unsere Division in ihren Strudel gezogen. In den letzten Junitagen hielten die Kampfgruppen der Regimenter noch zusammen und versuchten sich in verzweifelten Angriff durch die „rote Flut“ nach Westen durchzukämpfen. Wir hofften um diese Zeit sogar noch, an der Beresina wieder eine neue Front aufbauen zu können. Ich erhielt den Auftrag mich persönlich um die Beschaffung weiterer Versorgungen für die Division zu kümmern.

Nach Mitternacht des 30. Juni 1944 weckten mich Oberst Bracher und Oberst Friker der trotz seiner erheblichen Verwundung unermüdlich blieb. Ich führte sie zum Ia (erster Generalstabsoffizier) der vor Erschöpfung so fest schlief, das er lange Zeit nicht wach zu bekommen war. Der Russe hatte die Straße nicht nur vermint und durch Partisanen bedroht, sondern hatte uns wieder regelrecht eingekesselt. Es musste wieder alles auf Angriff umgestellt werden.

Ich fuhr gleich hinter den erste Infanterieeinheiten um 03:00 Uhr morgens ab, stieg aber bald aus und überlies dem Fahrer meine Maschinenpistole. Ich riet ihm, hinter den nachkommenden Wagens des Divisionskommandeurs zu fahren. Stabszahlmeister Dietz schlug ich vor, sich ebenfalls vom Wagen frei zu machen. Er zögerte. Darauf erklärte ich beiden, dass sie keinesfalls auf mich warten oder Rücksicht nehmen sollten.

Da vor mir eine wilde Schießerei zu hören war, ging ich den Gefechtslärm nach und erreichte Oberst Friker. Wir trafen dann auf einen Schwimmwagen und suchten mit ihm eine Lücke in der russischen Front, fanden sie auch und holten die Division nach. Leider gab es wieder einen Halt. An sich hatte das Regiment List an diesem Tag die Nachhut. Diese Aufgabe musste aber dann durch Grenadierregiment 470 übernommen werden.

Gegen Mittag konnte ich an einem See Trinkwasser bereitstellen und sämtliche Feldküchen, auch die der Nachhuten, auffüllen lassen. Die zurückgehenden Leute fasten später im Vorbeigehen Essen und löffelten während des Marschierens ihren Grützebrei. Dazwischen versuchte ich im Auftrag des Divisionskommandeurs sämtliche noch vorhandenen Lastwagen zum Abtransport der Nachhut aufzufangen. Kaum begonnen war der Befehl bereits überholt.

Schon am Vortag waren alle Fahrzeuge mit Schäden und geringem Brennstoff gesprengt worden. Einen großen Teil der Wagen wurde am 29. Juni  ab1944 abends das noch vorhandene Benzin abgenommen und an Sturmgeschütze gegeben. Durch die Luft versorgt wurde nur eine Flak-Einheit mit Selbstfahrlafetten, die schließlich durchkamen. Sämtliche noch vorhandenen Fahrzeuge waren mit Verwundeten überladen, die tagelang ohne Versorgung blieben.

Gegen Mittag war ich bei der Pak-Sicherung, die das Abrücken zu sichern hatte. Mit ihr fuhr ich später zurück. Am späten Nachmittag gingen beide Pak erneut in Stellung mit dem Auftrag, bis zur letzten Granate zu kämpfen.

Fast sämtliche Kommandeure, die wir inzwischen überholt hatten, kamen nun nochmals vorbei. Oberst Bracher zu Pferd, Oberst Friker, Oberstleutnant Strohm in seinem Schwimmwagen und Major Nädele in einem Wagen der 78. Sturmdivision. Strohm erzählt mir, dass sein Regiment die schwersten Waldkämpfe die er je erlebt habe, am Vormittag in äußerster Erbitterung durchzukämpfen hatte, mit dreizehn Gegenstößen nach Osten und drei Durchbrüche nach Westen. Dadurch wurde, wie der General anerkannte, nochmals das Korps gerettet.

Strohm hatte Stabszahlmeister Dietz und Oberleutnant Bilger beritten gemacht. Er bot auch mir einen Platz an, ich wollte aber bei den Panzerjägern bleiben, die von Hauptmann Müller geführt wurden.

Gesprächsweise hörte ich dass Major Vincon so verwundet sei das er nicht mehr reiten könne, ferner sein Hauptmann Kannenberg und Hauptmann Gery schwer verwundetet. Es gelang mir einige Kameraden des Stabes, darunter Oberleutnant Hornberger, die vollkommen erschöpft ankamen auf Fahrzeugen unterzubringen. Vincon und Hornberger sind Mitte August im völlig erschöpften Zustand zu den deutschen Sicherungslinien durchgekommen!

Gegen Abend tauchten einige Nebelwerfer auf, die uns ablösen sollten. Wir wurden in Marsch gesetzt. Vorher traf ich Oberst König und seinen Adjutanten. Ich war erschüttert als er mir achselzuckend sagte: „Ich weis nicht, wo mein Regiment ist.“ Im Dämmern kamen wir kurz vor der Beresina in ein Dorf, in dem ich Oberst Bracher stehen sah, der mir zuwinkte: „Hier sammle ich mein Regiment!“ Oberst Friker war bei ihm. Ich fuhr zunächst weiter. Krieggerichtsrat Jansen hatten wir inzwischen auch getroffen und mitgenommen.

Im Dunkel waren die Marschstraßen und sämtliche Plätze derart verstopft, das der Wagen stehen bleiben musste. Ich machte mich dann mit Dr. Jansen auf, um den Weg zur Beresina zu erkunden. Da ich wusste, dass der General gegen Abend das westliche Ufer erreicht haben wollte, und durchgegeben wurde, die ganze Division müsse in der Nacht übersetzten, gingen wir weiter. Jansen blieb schließlich bei einer Feldküche.

Ich ging zu Fuß weiter, traf auf einen Teil des Reiterzuges 460, erhielt ein Handpferd und erreichte mit dem Trupp am 2. Juli morgens gegen 03:00 Uhr die Beresina. Ich traf dort Oberstabsarzt Hengstmann, mit dem ich im Morgengrauen die Beresina überschritt. Der Übergang war an sich gut organisiert. Trotzdem war alles derart verstopft, das Fahrzeuge tagelang gestanden haben sollen.

Die Brücke lag etwa acht Kilometer nördlich Beresino. Der Gefechtsstand von Major Braun befand sich bereits auf dem Westufer. Er selbst und der zum Ordnungsdienst voraus befohlene Major Vogt waren nicht zu finden. Ich suchte auch General Klammt vergeblich bei der Korpsführungsstaffel, traf aber später Oberstabsarzt Hengstmann bei Teilen der zweiten Sanitätskompanie und des Krankenwagenzuges wieder.

Hatten wir bisher geglaubt an der Beresina eine feste Stellung beziehen zu können, so musst jetzt alles weitermarschieren. Da ich beim Korps, hörte, in Tscherwen befände sich ein Armeelager, besprach ich mit Oberstabsarzt Hengstmann die vorhandenen etwa fünf Lastwagen und drei Sankas dort mit Verwundeten dort hin zu führen, um sie mit Verpflegung und Munition wieder zurück zu bringen.

Inzwischen kam ein Befehl, dass alle Fahrzeuge die die Brücke noch nicht überschritten hätten, auf dem Ostufer der Beresina zurückgelassen werden mussten. Oberst Friker war auch völlig erschöpft eingetroffen. Er konnte kaum mehr sprechen und bat mich, den Ia zu verständigen, dass er ihn sehen müsse. Friker wurde darauf in einen Sanitätswagen gelegt. Ich selbst suchte weiter, traf zwar den Ia nicht, aber den Adjutanten von Major Braun. Durch ihn ließ ich den Ia (Erster Generalstabsoffizier) verständigen. Die Abfahrt drängte, ich kam gerade noch zurecht.

Kaum waren wir unterwegs, als wieder Kampflärm zu hören war. Oberst Friker war wieder zu sich gekommen und sprang mit seinem ebenfalls verwundeten Adjutanten, Obersleutnant Böhm ab. Es fiel mir in dem Augenblick sehr schwer, nicht das gleiche zu tun. Ich wusste aber wie dringen notwendig die Versorgung der Division war, und hatte den schriftlichen Befehl auszuführen.

Kurz darauf kam uns Oberstleutnant von Tresckow entgegen gefahren. Als ich ihm zuwinkte hielt er und fragte, ob ich ihm nicht Benzin geben könnte, er habe für sich und General Klammt nur noch 15 Liter. Ich verwies ihn an Oberstabsarzt Hengstmann und Oberleutnant Kugelmeister, die an der Spitze fuhren, während ich am Schluss blieb. Tresckow rief mir zu, die Division brauche unter allen Umständen Verpflegung, ich solle tun was ich könne.

Es begann nun eine ununterbrochene Fahrt mitten durch den Russen hindurch. Nach kurzer Zeit mussten wir ausweichen, immer wieder stießen wir auf haltende und sich durchkämpfende Einheiten. Vor Tscherwen mussten wir nach Norden ausbiegen, weil es bereits russisch besetzt war. In der Nacht zum 03. Juli standen wir vor einer zerstörten Brücke auf der Straße von Mogilew her kurz vor Minsk, in der Nähe der Flak-Gruppe Lamprecht. Wir wurden um Minsk herumgeleitet. Mit einem Lastwagen wollte ich zusammen mit Oberstabarzt Liedtke, in die Stadt hinein fahren und das Erforderliche zu erkunden.

Als ich eine Ausflaggung des Oberquartiermeisters sah sprang ich ab, ließ Lidke alleine weiterfahren, nahm ein vorbeikommendes Handpferd und ritt los. Nach drei Kilometern sah ich jedoch, dass der Oberquartiermeister längst abgezogen sein musste. Ich ritt durch Russen wieder zurück und gelangte durch Aufspringen auf Wagen wieder zur Kolonne.

Inzwischen war auch Minsk bereits russisch. Wir mussten uns weiter durchschlagen, bei laufendem Tieffliegerangriff. Zunächst wurde versucht nach Stolbzy durchzukommen, auch das war russisch. Nun ging es wieder nach Norden und dann wieder nach Westen.

Zweimal gelang es mir, für die Verwundeten mit der Feldküche aus Kartoffeln und Fleisch eine Suppe herstellen zu lasen. Mit viel Glück konnten wir dabei wieder Nachkommen. Die schweren Wagen der motorisierten Einheiten drückten uns immer wieder rücksichtslos zur Seite.

Den genauen Verlauf des Fahrweges konnte ich nicht feststellen, meine Karten hatte ich am 28. Juni Oberst Bracher gegeben. Oberstabsarzt Hengstmann, der eine Karte hatte, sah ich kaum. Zudem waren wir so erschöpft, das wir uns die Namen im Vorbeifahren kaum merken konnten. Man fuhr nach Instinkt und richtete sich nach dem Gefechtslärm. Wir mussten uns durchschnittlich dreimal täglich durch die Russen boxen und drei schwere Fliegerangriffe überstehen.

Am 06. Juli zogen wir bei Jeremice über den Njemen. Wir mussten nochmals vor den Russen ausweichen. Dann trafen wir auf die deutsche Sicherungslinie und kamen mittags nach Neu-Grodek. Als ich dort einen Führungswagen mir der Korpsflagge sah, sprang ich ab und meldete mich bei General Weidling, der mich sehr herzlich aufnahm. Er stellte gerade einen Sperrverband zusammen und berichtete, dass er durch die Abkommandierung davongekommen sei, während sein Stab bis auf Major Nagel, der bei ihm war so ziemlich aufgerieben sei.

Ich wollte nun unter allen Umständen eine Luftversorgung der Division sicherstellen. Der General nahm mich in seinem Kübelwagen zu Armeeintendant 4 nach Linda mit. Man empfing mich wie einen Totgeglaubten, wollte aber nicht recht glauben dass es noch einen Sinn habe, für die Division etwas zu unternehmen. Doch versprach man mir noch für den Abend, dann für den Morgen einen „Storch“ (Fieseler F1 156, ein Propellerflugzeug) um bei der Heeresgruppe eine Luftversorgung sicherzustellen.

Der Quartiermeister des XXVII. AK. hielt eine derartige Versorgung nicht mehr für durchführbar, weil eine Funkverbindung fehlte. Der Armeeintendant sagte mir dann aber, das die Luftversorgung des XXVII. AK. angeordnet werde. Am 07.Juli morgens wurde ich auf eine „Ju“ um 10:00 Uhr vertröstet. Als diese nicht kam versuchte ich mein Glück beim Jagdgeschwader Mölders – vergeblich. Man erklärte, auf die große Entfernung nicht Erkundung fliegen zu können.

Überall stieß ich auf Ablehnung. Ich bot mehrfach an mich zur Verbindungsaufnahme mit einem Funkgerät wieder einfliegen zu lassen. Schließlich war ich empört, beschämt und verzweifelt. Ich hatte vorher keinen Augenblick gezweifelt, dass – wie bei den Russen die Partisanen – unsere Division, die mit ihren hervorragenden Kommandeuren und tapferen Soldaten sich bis zuletzt hervorragend geschlagen hatten, durch Flugzeuge versorgt werden könnte. Dazu kam die Erkenntnis sich als Beamter nicht so durchsetzen zu können, wie etwa ein Generalstabsoffizier, dem alle Mittel und Wege zur Verfügung stehen.

Am 08. Juli kam ich zur Heeresgruppe in Truskienici. Dort hielt man es für ausgeschlossen, dass die Division noch existierte. Man sagte aber zu, mit der Luftwaffe eine Versorgung nochmals zu prüfen. Nach einem eingetroffenen Funkspruch XXVII. AK vom 07. Juli sollte ein Durchbruch ostwärts Tscherwen gescheitert sein. Um diese Zeit hieß es auch General Völkers sei gefangen. Das gleiche wurde über Generalleutnant Traut bekannt.

Ich wurde zunächst mit dem Einsatz unserer durchgekommenen Bäckereikompanie beauftragt, um die Brotversorgung sicher zu stellen. Dann traf ich am 10. Juli die Reste unserer Versorgungseinheit, die ebenfalls sehr zerrupft waren. Die Bäckereikompanie besaß noch zwei Backanhänger und zwei Teigknetmaschinen.

Die Einheiten waren zunächst in Borissow für eine andere Kampfgruppe eingesetzt worden mit der Begründung die 260. Infanteriedivision würde nunmehr durch die Luft versorgt. Später kamen sie nach Minsk. Ein Teil der Fahrzeuge war schon kurz hinter Staroselje liegen geblieben. Aus Minsk wurde die Einheit dann zu spät in Marsch gesetzt und verloren schließlich den größten Teil des Gerätes.

Am 11. Juli wurde ich zur Verfügung der Heeresgruppe gestellt. Von unserer Division waren bis dahin etwa 600 Mann durchgekommen, darunter Hauptmann Möhrle und eine Teil der Veterinärkompanie, die sich nach Westen in Marsch setzten als der Russe Staroselje angriff. Schließlich erfuhr ich, dass General Klammt mit seinem Stab gefangen sei. Das Ende unserer Division war besiegelt.
Aus einem Einsatzbericht geschrieben im Herbst 1944 von Oberintendanturrat Dr. Dorfmüller

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